DIE GESCHICHTE DES RUGBY

Vom bescheidenen Anfang in der britischen Rugby School, Anfang 1800, bis hin zum heutigen Spiel mit über vier Milliarden Fans weltweit – Rugby ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie sich eine zufällige Erfindung verbreiten kann.

Für die meisten Rugby-Fans ist die Anekdote darüber, wie der Sport zu seinem Namen kam, beinahe heilig. Während einer Fußball-Begegnung, die 1823 auf einem etwa acht Hektar großen Gelände der Rugby School stattfand, fing der Schüler William Webb Ellis, ganz gegen die Regeln, den Ball mit den Händen und lief mit ihm davon. Dieser Vorfall führte zur Gründung der Rugby Union und der Rugby League: Spiele, die heute auf der ganzen Welt gespielt werden.

Aber war es wirklich William Webb Ellis, der das Spiel „erfand“? Entgegen der offiziellen Darstellung wurde dies immer wieder in Frage gestellt. In seinem Buch ‘The Oval World: A Global History of Rugby’ macht Tony Collins eine interessante Anmerkung. Er schreibt: “Niemand wäre überraschter zu hören, er habe Rugby „erfunden“ als er den Ball auffing, als William Webb Ellis selbst.“ Er fügt hinzu, dass Ellis, der Anglikanischer Priester wurde, 49 Jahre später in Frankreich starb – „in völliger Unkenntnis über seine vermeintlich historische Leistung.“

Collins verweist auf einen anderen Schüler der Warwickshire Schule, Jem Mackie, der in den 1830er Jahre dafür bekannt war, „illegal“ mit dem Ball zu laufen. Hätte er Ellis‘ Platz in der Rugby-Mythologie einnehmen können, wenn er nicht nach einem „nicht näher erklärten Zwischenfall“ der Schule verwiesen worden wäre? Eine Untersuchung der Old Rugbeian Society im Jahr 1895 über die Ursprünge des Spiels, fand keine Beweise für die Richtigkeit der Ellis-Geschichte. Und doch bestätigte sie, dass Ellis der „Erfinder“ des Sports sei.

Das neue Spiel entwickelte sich gut, und Collins glaubt, dass das sehr erfolgreiche Buch ‚Tom Brown’s Schooldays‘, geschrieben vom ehemaligen Schüler der Rugby School Thomas Hughes, enorm dazu beigetragen habe. Hughes schrieb über das Leben in der Schule und darüber, wie es der Rektor Thomas Arnold schaffte, die charakterbildenden Werte, die ein junger Gentleman im späteren Leben brauchen würde, mit dem Rugbyspielen zu verbinden. Das Buch wurde 1857 veröffentlicht und für Hughes‘ Sohn Maurice geschrieben, der bald dort eingeschult werden sollte.

Es wurde zum Bestseller, und andere Schulen und Universitäten folgten bald Rugbys Vorbild, sodass das Spiel rasch populär wurde. War das der Grund dafür, dass die Old Rugbeian Society bei der Ellis-Theorie blieb? Es schien so. Leider hatte der Erfolg des Buches auch eine tragische Seite: Maurice starb zwei Jahre nach der Veröffentlichung.

1842, drei Jahre bevor sie die ersten schriftlichen Regeln des Spiels veröffentlichte, hatte die Schule das Handspiel erlaubt. Und doch lassen sich die Wurzeln des Rugby tausende Jahre zurückverfolgen. In China wurde Cuju gespielt, ein Spiel, bei dem ein Ball über ein Netz, das von zwei Stäben gehalten wurde, geschossen wurde. Zu Römischen Zeiten war Harpastum beliebt. Es hatte den Ruf, brutal und körperlich anstrengend zu sein. Die Regeln ähnelten stark denen des griechischen Spiels Phaininda.

Im Mittelalter wurde in Großbritannien und auf dem europäischen Festland Folk Football (Volksfußball) gespielt. Die Teams, zusammengestellt aus Dorf- und Stadtbewohnern, kämpften um einen Ball, der beim Versuch zu punkten, geschossen und getragen werden durfte, quer über die Felder und Flüsse, sogar über Hecken. Die Spieler liebten es, während einige „Ungläubige“, die ein ruhiges Leben bevorzugten, für einen Verbot plädierten. Auch befürchteten sie, dass sich mögliche Verletzungen negativ auf die Arbeitsleistungen auswirken würden.

Fastnachtsdienstag wurde zum beliebten Tag für diese Veranstaltungen, und obwohl die Regeln von Grafschaft zu Grafschaft variierten, trug Alkohol dazu bei, einen erfolgreichen den Tag zu ermöglichen. Heute noch genießen Rugbyfans vor oder nach dem Spiel gerne ein Bierchen in angenehmer Umgebung (Profispieler tun dies natürlich nur hinterher, nicht davor!). Passenderweise spielt William Webb Ellis auch hier seine Rolle: Mindestens zwei strategisch platzierte Pubs in England tragen seinen Namen. Der eine befindet sich in Rugby, der andere in Twickenham, in der Nähe des berühmten Nationalstadions.

Der „Volksfußball“ hatte schon immer mehr Ähnlichkeit mit Rugby als mit Fußball, und als 1863 die Football Association gegründet wurde, wurden diese Unterschiede auch anerkannt. Die Gründung der Rugby Football Union folgte 1871, obwohl eine interne Auseinandersetzung, vor allem über die Frage der Professionalität, 1895 zur Trennung zwischen den nördlichen Clubs und der Rugby League führte. Ironischerweise wurde 100 Jahre später aus der Rugby Union ein Profiverein. Beide Vereine waren erfolgreich, und auf den allerersten Rugby League World Cup 1954 folgten 1987 der Union Rugby World Cup und Englands historischer Sieg im Jahr 2003.

Der Überlieferung nach entstand Frauenrugby 1887 durch eine Fügung des Schicksals im nordirischen Enniskillen. Im Team der Portora Royal School fehlte ein „Mann“, und Emily Valentine trat ihr Spieldebüt an – zweifellos sehr zur Freude ihres Vaters, der stellvertretender Schulleiter war. Und so wurde nach und nach auch das Frauenspiel populär. 1983 wurde die Frauen-Union, die Women’s Rugby Football Union, gegründet; die erste Damen-Weltmeisterschaft erfolgte 1991. Neun Jahre später wurde die Women’s and Girl’s Rugby League für Frauen und Mädchen gegründet.

Heute spielen in mehr als 100 Ländern Millionen Menschen in beiden Organisationen; im September findet in Japan der Rugby World Cup statt, zum ersten Mal auf asiatischem Boden. Über vier Milliarden Fernsehzuschauer sollen 2007 die Übertragung des Rugby World Cup geschaut haben. Welch ein Vermächtnis für einen Mann, der völlig ahnungslos zu Weltruhm gelangte, als er mutmaßlich gegen die Spielregeln verstieß und mit einem Ball davonlief.